Generation Selbstliebe

Eine falsch verstandene Selbstliebe

Am Weltfrauentag wurde mir ziemlich übel, denn genau an diesem Tag verspürten sehr viele Frauen das dringende Bedürfnis Beiträge zum Thema Selbstliebe zu posten. An sich ja kein schlechter Gedanke, nur das Verständnis von Selbstliebe driftete so ziemlich von meinen eigenen Vorstellungen ab. Diese Bilder tauchen selbstverständlich nicht nur am Weltfrauentag auf. Man findet bspw. knapp 14 Millionen Beiträge unter dem Hashtag selflove.
Zahlreiche Postings zeigten in der Regel junge Frauen, die ihren Körper, insbesondere ihren Allerwertesten in die Kamera hielten – von perfekt trainiert, gebräunt (mit zahlreichen Filtern bearbeitet) bis hin zum leicht zerdellten Pöppes der Mittdreißigerin. Darunter standen oft ausschweifende Beiträge zum Thema Selbstliebe und Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit.
Während die Barbie-Popos oft ihre dramatischen Diätorgien zur Feier des Tages mit der ganzen Welt teilen möchten, hatten die Normalgewichtigen gefühlt den Ratschlag: “Sei stolz auf dich! Liebe dich selbst, auch wenn du Cellulitis hast”.
Beide Varianten der Popo-Selbstliebe haben eine große Anzahl von Followern, die begeistert kommentieren: “Du bist meine größte Inspiration…”
Was ist das für eine Generation von Frauen, die Selbstliebe anscheinend ausschließend mit ihrer Optik verknüpfen?! Haben unsere Großmütter nicht vor nicht allzu langer Zeit genau für das Gegenteil gekämpft?
Und jetzt degradieren Frauen sich freiwillig auf ihre Optik. Glückwunsch!

Das könnte an einem durch die Werbung manipulierten Zugang und Verständnis zum eigenen Körper liegen, denn uns wird permanent ein völlig krankes Frauenbild vorgelebt. Der Wert von wahrer Schönheit geht verloren, denn letztendlich wollen alle nur noch gleich aussehen. Influencer machen es vor und zahlreiche junge Frauen eifern fleißig hinterher. Die Schönheitschirurgen freuen sich und verdienen sehr viel Geld mit Frauen, die auf der Suche nach Selbstliebe sind.

Zudem sind wir  anscheinend eine Generation junger Menschen, die sehr viel Zeit zur Selbstinszenierung hat. Während unsere Großeltern und Eltern mit ca. 30 Jahren schon längst eine Familie zu versorgen hatten, leben wir in der Illusion die Welt würde sich permanent um uns selbst drehen. Dabei wird immer wieder betont, wie wichtig es ist sich ausreichend Zeit für sich selbst zu nehmen und die Selbstliebe als Schlüssel zu einem glücklicheren Leben gesehen. Nur Selbstliebe beginnt für mich mit dem Erkennen der INNEREN Stärken und Talente, die wir auf den Weg bekommen haben. Das hat rein gar nichts mit irgendwelchen Hinterteilen oder anderen Körperteilen zu tun, die mit #blessed oder #lovemyself versehen werden.Wer sich als Persönlichkeit liebt, der ist höchstens selbstgefällig.

Wie wäre es mit mehr Nächstenliebe?

Selbstliebe möchte ich nicht kleinreden, denn sie ist unglaublich wichtig, um auch andere Menschen lieben zu können. Nicht umsonst, steht im Buch Gottes „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Jeder von uns kennt das Glücksgefühl, wenn wir die Dankbarkeit eines anderen Menschens spüren.
Dafür gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, auch in einem der reichsten Länder der Welt. Soziales Engagement fängt schon bei den kleinen Dingen an. Einem kranken Arbeitskollegen, der schon lange nicht mehr da war, eine liebe Mail zu schicken. Der alten Dame einen Sitzplatz im Bus anzubieten oder einem Freund in einer schwierigen Situation unter die Arme zu greifen.
Das, was ich anschließend zurückbekomme, wenn auch von einer ganz anderen Person, das stärkt meinen Selbstwert.

by Corinna